Eine Botschaft mit der Wucht einer Beretta

von Dominik Peters

Sechs ehemalige Schin-Beth-Chefs erzählen ihre Sicht auf den Nahost-Konflikt – schonungslos, spannend und selbstkritisch. Dem israelischen Dokumentarfilmer Dror Moreh ist ein beeindruckendes Werk gelungen.

Benjamin Netanjahu liebt Eis, die Geschmacksrichtungen Vanille und Pistazie haben es ihm besonders angetan, das Kilo für umgerechnet zwölf Euro. Bisher musste der israelische Steuerzahler dem Premier und seiner Familie die Gaumenfreuden jährlich mit umgerechnet 2.000 Euro finanzieren, was nach Recherchen der Tageszeitung Jedioth Ahronoth einem monatlichen Verzehr von 14 Kilogramm Eiscreme entspricht. Aber nun will man im Hause Netanjahu den Gürtel enger schnallen, die Subventionen sind ansatzlos gestrichen worden.

Kinoabende in der heimischen Villa in Caesarea werden künftig also ohne von Steuergeldern finanziertes Eis veranstaltet. Über den Filmgeschmack des Premiers ist nichts bekannt, einzig: »Schomrei ha-Saf – Hüter der Schwelle« hat Benjamin Netanjahu bisher nicht gesehen und hat das nach Angaben seines Pressesprechers auch nicht vor.

Dror Moreh, der Regisseur des Films, findet, dass sage mehr über Netanjahu aus, als über seine Dokumentation. Er hat alle sechs noch lebenden ehemaligen Chefs des Inlandgeheimdienstes Schin Beth vor seine Kamera interviewt. Das alleine ist bemerkenswert.

90 Minuten Klartext

Noch beeindruckender ist indes die Botschaft, die diese Männer unisono verkünden und die enorme Sprengkraft in sich birgt: Die politische Elite des Landes führt Israel in eine Katastrophe, die Besatzung ist unmoralisch und eine Zwei-Staaten-Lösung dringend notwendig, derzeit aber in weiter Ferne.

Mehr Klartext geht nicht. 90 Minuten lang. Ihre Botschaft kommt ohne pathetisches Tremolo in der Stimme daher und mäht das politische Establishment Israels gleichsam mit der Wucht einer Beretta nieder, zu vernichtend ist ihr Urteil.

Moreh ist mit seiner Dokumentation ein cineastisches Meisterwerk gelungen, hochpolitisch und intelligent, eine Dokumentation, spannungsgeladener und komplexer als jeder Thriller. Dieser Film fesselt den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute, weil die Realität schonungslos und damit auch hoffnungslos gezeigt wird; die Nominierung für einen Oscar war die Bestätigung hierfür.

Keine Tagträumer, sondern knallharte Realpolitiker

Die sechs Schin-Beth-Männer sind die »Schomrei ha-Saf«, die Hüter jener Schwelle, die infolge des Sechstagekrieges 1967 entstanden ist, als Israel neben der Sinai-Halbinsel und den Golanhöhen auch das Westjordanland und den Gazastreifen besetzte. Sie haben sämtliche Ministerpräsidenten in Sicherheitsfragen seither beraten, waren bei allen relevanten Entscheidungen über Krieg oder Frieden in den letzten Jahrzehnten dabei.

Sie alle sind keine Tagträumer, verblendete Spinner oder Pazifisten – hier sprechen knallharte Realpolitiker und hochdekorierte Soldaten; ihre Biographien geben den Worten besonderes Gewicht.

Da ist Avraham Schalom, Veteran der einstigen Haganah-Elite-Truppe Palmach und Mitglied des Sonderkommandos, das Adolf Eichmann in Argentinien aufspürte und nach Israel entführte, wo er vor Gericht gestellt wurde, Jaakov Peri, der dem »Scherut Bitachon – Sicherheitsdienst« von 1966 bis 1994 angehörte und Carmi Gillon, in dessen Amtszeit die Ermordung Jitzchak Rabins fiel.

Ebenso dazu gehören Ami Ayalon, der Oberbefehlshaber der israelischen Marine war und als Mitglied der Eliteeinheit »Schajetet 13« mit der höchsten militärischen Ehrung des Landes Israel ausgezeichnet wurde, Avi Dichter, ehemaliges Mitglied der Eliteeinheit »Sajeret Matkal« und heute Minister für Heimatschutz im Kabinett Netanjahu, sowie Juval Diskin, der vor seiner Zeit beim Schin Beth als Soldat in einer Spezialeinheit der Südfront diente, später den Nablus-Distrikt koordinierte und während des Ersten Libanonkriegs in Beirut und Sidon im Einsatz war.

Dass ausgerechnet diese sechs Männer nun vor laufender Kamera ein vernichtendes Urteil über die gegenwärtige Regierung und die politische Kaste insgesamt fällen, ist auch angesichts der vorherrschenden Stimmung in Israel beachtenswert.

Die Sehnsucht nach Führungspersönlichkeiten ist groß

Es ist der Regelfall und ein natürlicher Reflex, das ein Volk bei Bedrohung von außen im Inneren politisch nach rechts rückt. An Israels Grenzen, in dessen kollektivem Gedächtnis zweitausend Jahre Verfolgung fest verankert sind, rumort es.

Bis zum 4. November 1995, an dem Moreh seinen 34. Geburtstag feierte, gab es in Israel einen Politiker, der für viele im Land dieser starke Mann war – und doch für Frieden bereit: Jitzchak Rabin, der vom Feldherrn zum Friedensstifter avancierte und dabei stets Realpolitiker blieb, die Sicherheit des jüdischen Staates nie außer Acht ließ.

Er wurde von dem radikal-religiösen Jigal Amir ermordet. Und damit auch der seinerzeit avisierte Frieden. Begraben, wie es scheint – ohne Aussicht auf Auferstehung. Dror Moreh hat nun mit seinen sechs Protagonisten Männer versammelt, die aus ähnlichem Holz geschnitzt sind, wie es Rabin war und die aus ihrer Verehrung für ihn keinen Hehl machen.

»Wenn man den Schin Beth verlässt, wird man ein bisschen zu einem Linken«

Sie scheuen sich ebenso wenig, vor der Weltöffentlichkeit ethische Fragen zu beantworten, etwa, was es für ein Gefühl ist, mit einem Befehl ein Menschenleben auslöschen zu können. Besonders Juval Diskin fällt hier auf – und erinnert an den von Gerald Seymour 1975 geprägten Satz: »Für den einen ist es ein Terrorist, für den anderen ein Freiheitskämpfer.« Und Jaakov Peri, der den Schin Beth während der Ersten Intifada leitete, konstatiert: »Wenn man den Schin Beth verlässt, wird man ein bisschen zu einem Linken.«

Dror Moreh, der bereits mit einer gefeierten Dokumentation über Ariel Scharon vor einigen Jahren auf sich aufmerksam machte, ist ein bekennender Linker. Das macht den 51-Jährigen angreifbar. So erklärte der stellvertretende israelische Ministerpräsident Mosche Yaalon im Armeeradio jüngst, Moreh sei einseitig vorgegangen und habe Aussagen so gewählt, »dass sie in sein Narrativ passen, das meiner Meinung nach ein palästinensisches Narrativ ist.«

Den sechs Schin-Beth-Männern geht es nicht darum, das wird klar, sich schutzlos auszuliefern. Sie wollen keinen staatlichen Selbstmord begehen. Sie wollen Sicherheit. Und sie wollen Frieden. Dafür braucht es, so die Sicherheitsexperten, aber mehr als die Taktiken der Geheimdienste. Dafür brauche es Politiker, die eine Strategie vorgeben, innerhalb derer die Taktiken angewandt werden. Sonst seien diese sinnlos, nackte Gewalt, die wiederum Gewalt auslöse oder eine Antwort auf selbige sei und so eine Spirale des Hasses fortlaufend nähre. Doch in ihren Augen existiert seit 1967 keine Strategie.

Den vollständigen Artikel sowie die Austrahlungstermine gibt’s hier.

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